Leonhard Zagermann

Wenn Leonhard Zagermann ins plaudern kommt, und das passiert nicht selten, dann funkeln seine Augen wie am ersten Tag. Dabei ist er mittlerweile fast 60 Jahre im Geschäft. Sowas schafft man nur, wenn man liebt was man tut. Wahrscheinlich kann niemand die Herkunft und Eigenschaften einer Chinaborste mit wärmeren Worten erklären als er. Man hört dem Mann gerne zu und das haben wir auch getan. Seine liebe Frau Alrun und Leonhard Zagermann haben uns zwei Stunden ihrer kostbaren Zeit geschenkt und dafür sind wir sehr dankbar.

Bürstenmacher ist ein altes Handwerk. Archäologische Funde zeugen davon, dass die Menschen schon sehr früh Bedarf an Bürsten hatten. Ausgrabungen bei Mesopotamien (heute Irak) brachten z.B. Tonkörper mit eingestochenen Löchern zur Aufnahme von Borsten hervor. Das war etwa 4.000 vor Christus. Erste Erwähnungen als Handwerksberuf sind etwa ab dem 15. Jahrhundert belegt. In den frühen Jahren waren Bürstenbinder meist Heimwerker ohne eigenes Geschäft, die ihre Produkte als Hausierer und auf großen Verkaufs- oder Jahrmärkten vertrieben.

Leonhard Zagermann mit Bild des Vaters

Leonhard Zagermann mit Bild des Vaters

1924 gründete Leonhard Zagermanns Vater in Brandenburg seinen Bürstenbetrieb, der aber durch den Beginn des 2. Weltkrieges ein jähes Ende erfuhr. Direkt nach Kriegsende siedelte die Familie samt Betrieb nach Solingen um, wo der Vater in Solingen-Mitte sein Geschäft für Schleif- und Polierbürsten neu aufbaute. In den 1950er Jahren waren alleine im Innungsbezirk Solingen (zu dem damals noch Wermelskirchen und Hilden gehörten) knapp 40 Bürstenmacher ansässig. Die zahlreichen Stahlwarenbetriebe im Umkreis hatten großen Bedarf an Schleif- und Polierbürsten, die Brauereien brauchten Kesselbürsten und Kesselschrubber. Bürstenmacher war ein gefragtes Handwerk.

„Wenn ich auf der Kirmes 50 oder 60 Pfennig zum ausgeben hatte, dann war das schon eine ganze Menge.“

Es war aber auch eine Zeit, in der man nur sehr selten einen Beruf nach Wahl erlernte. In den Aufbaujahren wuchsen die Kinder meist in den Beruf des Vaters hinein. Leonhard Zagermann half neben der Schule viel im väterlichen Betrieb. Sonntags war bei Zagermanns meist Borstensortierung angesagt. Der Vater war ein kühler Rechner und kaufte bei Gelegenheit gerne unsortierte Borsten ein. Sohn Leonhard sortierte dann die schwarzen von den weißen Borsten aus und bekam dafür von seinem Vater etwa 20 – 30 Pfennig pro sortiertes und gebündeltes Kilo. Für die damalige Zeit war das gutes Geld. So kam es mit den Jahren, dass er neben der Schule immer weiter in den Beruf des Bürstenmachers hinein gewachsen ist und den Beruf von der Pike auf erlernte.

„Wenn wir in der Werkstatt sind wird gearbeitet, und arbeiten heißt gut arbeiten.“

Später kam zur Werkstatt noch ein eigenes Geschäft in Solingen am Schlagbaum hinzu, in dem u.a. Feinbürsten und Besen verkauft wurden. Die Produkte der Zagermanns waren gefragt, weil sie eine hohe Qualität hatten und nur aus erstklassigen Rohstoffen hergestellt wurden. Darauf legte der Vater allergrößten Wert. Jede Bürste und jeder Pinsel musste in bestmöglicher Qualität hergestellt werden. Keine Kompromisse. Eine Maxime, der Leonhard Zagermann bis heute treu ist.

Im Laufe der Jahrzehnte nahm jedoch die Auftragslage durch den industriellen Strukturwandel und die fortschreitende maschinelle Herstellung von Besen und Bürsten deutlich ab. Die Solinger Innenstadt war nicht mehr der ideale Standort für den Familienbetrieb. Industriekunden kauften lieber billige Massenprodukte und nur von Sonderanfertigungen konnte der Betrieb auf Dauer nicht existieren.

Burger Jahre

1988 kam dann das Angebot vom damaligen Direktor Dr. Soechting, das Bürstengeschäft in seinem ehemaligen Wohnhaus direkt auf Schloss Burg weiterzuführen. Man wollte wieder Handwerk auf dem Gelände ansiedeln und dafür war das Wohnhaus der ideale Ort. Eine Chance, die im nachhinein betrachtet dem Familienbetrieb das Überleben sicherte. Hier kam nationales und internationales Publikum hin und es ging wieder bergauf. Auf einmal hatte der Betrieb auch Kunden aus England, Frankreich, Belgien, Holland oder Italien. Das waren ganz neue Dimensionen. Anfangs hatten auch noch ein Glasbläser, eine Seidenmalerin und eine Kunsthandwerkerin ihre Geschäfte und Ateliers in dem ehemaligen Wohnhaus. Übrig geblieben sind aus dieser Zeit aber nur noch die Zagermanns.

Trotz seiner zeitraubenden Tätigkeit auf Schloss Burg, sorgte er sich auch immer wieder um den Nachwuchs im Bürstenmacher Handwerk und freute sich stets, wenn er sein Wissen weitergeben konnte. Er leitete einige Jahre, an der einzigen Berufsschule für die Ausbildung zum Bürsten- und Pinselmacher in Bechhofen, Kurse für Prüflinge zur Meisterprüfung.

Heute heißt die Devise leider „Was Sie heute kaufen, das sollen Sie möglichst nächste Woche verschlissen haben.“

Durch die maschinelle Massenfertigung von Bürsten, Pinseln und Besen, legen sowohl die Industrie als auch viele Kunden keinen Wert mehr auf Langlebigkeit. Eine schmerzliche Entwicklung für den Feingeist Leonhard Zagermann und dessen handwerklicher Seele, es immer gut zu machen um das bestmögliche Produkt herzustellen. Aber es gibt noch Menschen, die auf Qualität und Nachhaltigkeit achten. Und wenn solche Menschen das kleine Geschäft betreten, dann blüht das Ehepaar auf. Schnell kommt man ins Plaudern und während Leonhard Zagermann liebevoll eine seiner Bürsten aus dem Regal nimmt, referiert er über die Qualität des Ziegenhaars: „Ziegenhaar ist wegen seines hohen Haarfettgehaltes ideal zum Staubputzen geeignet“.

So kommt es auch nicht von ungefähr, dass seine Bürsten und Pinsel aus Ziegenhaar von großen Galerien zum Entstauben ihrer empfindlichen Gemälde verwendet werden. Auch Pianisten schwören auf die Produkte von Herrn Zagermann, um ihre Klaviere und Konzertflügel damit lupenrein zu bekommen. Schloss Benrath ist ebenfalls Kunde bei Herrn Zagermann. Seine Ziegenhaarprodukte halten dort die wertvollen Wandmalereien, Gemälde und Vergoldungen sauber.

Eine Kundin sagte einmal: „Ich habe vor 20 Jahren bei Ihnen alles gekauft was wir brauchten, und es ist noch nichts kaputt gegangen“

Leonhard Zagermann möchte zufriedene Kunden haben, die seine Produkte Jahre und Jahrzehnte benutzen und deshalb macht er bei der Qualität auch keine Kompromisse. Es kommen nur beste und makellose Hölzer und Borsten zum Einsatz. Mittlerweile kommen allerdings alle verwendeten Naturstoffe aus dem Ausland. „Schweineborsten kommen heutzutage zu 95 Prozent aus China. Früher kamen Borsten noch teils aus Russland oder Jugoslawien“. In Deutschland leben Zuchtschweine durch die Schnellmast nicht lange genug, um brauchbare Borsten zu entwickeln und außerdem wurden den einheimischen Rassen die Borsten für eine leichtere Verarbeitung und Zerlegung weggezüchtet.

Bis heute noch sind die meisten der Produkte von Herrn Zagermann Handarbeit und Handarbeit kann man reparieren. Die älteste Möbelbürste die Herr Zagermann repariert hat, vererbte sich durch drei Generationen und war bereits 92 Jahre in Gebrauch. Auch sonst erzählen Kunden durchaus mal, dass Sie Bürsten entweder selbst geerbt haben oder vor Jahrzehnten gekauft haben und immer noch nutzen. Mit Mikrofaser wäre sowas nicht möglich. Ein guter handgemachter Rasierpinsel kann gut und gerne 20 Jahre halten und ein guter Besen aus Rosshaar hält ein Hausfrauen- oder Hausmannleben lang. Wer häufig ein solches handgefertigtes Produkt benutzt, wird dessen Qualität schätzen lernen und den höheren Preis schnell relativieren. Eine Kundin sagte auch einmal „Ich bin zu arm um billige Sachen zu kaufen“.

Damit hat die Dame den Kern der Sache erkannt: Stil ist eben nicht nur das Ende des Besens.

„Wenn die alten Kunden wegbleiben, dann merkt man, dass das Leben endlich ist.“

2018 feiert Leonhard Zagermann mit seiner Ehefrau an diesem Ort das 30-jährige Bestehen. Sie war es auch, die die beliebten Bürsten mit schwarzen und weißen Borsten erfand. Mittlerweile ein Markenzeichen der Zagermann Bürsten. Trotz der wenigen freien Zeit, bereut das Ehepaar kaum einen Tag, an dem das kleine Geschäft geöffnet hatte. Aber auch an ihnen geht die Zeit nicht spurlos vorbei. Langjährige Geschäftspartner, die teilweise zu Freunden geworden sind, hören auf oder sind verstorben. Viele alte Kunden kommen nicht mehr, weil sie wahrscheinlich auch nicht mehr am Leben sind oder es einfach körperlich nicht mehr schaffen. Leonhard Zagermann suchte bereits vor einigen Jahren einen Nachfolger, den er leider bis heute nicht gefunden hat. Das Handwerk des Bürstenmachers ist eine aussterbende Zunft und nur noch profitabel im Dunstkreis von Veranstaltungen, oder wenn man von Touristenströmen leben kann. Sich heute einen langjährigen und treuen Kundenstamm aufzubauen, ist quasi unmöglich. Die Massenfertigung hat mit ihren Kunstfasern den Markt übernommen.

Aber solange das Herz in Leonhard Zagermanns Brust noch schlägt und die Glut in den Augen noch nicht erloschen ist, solange hat Solingen noch einen eigenen Bürstenmacher und wahrscheinlich sogar den nettesten Bürstenmacher der Welt. Und wenn Sie sich selbst mal davon überzeugen möchten, dann haben Sie auf Schloss Burg dazu noch die Gelegenheit. Entweder direkt im Ladengeschäft oder aber auf den Handwerkermärkten, die mehrmals im Jahr im Schlossmuseum stattfinden.